Abfallfehler bei Uhren: Millisekunden richtig lesen

Der Abfallfehler ist ein eigener Messwert in Millisekunden. Er darf nicht mit dem täglichen Vor- oder Nachgang verwechselt werden. Ein Bericht sollte deshalb immer die Bezeichnung und die Einheit zusammen zeigen.

Quellenstand: 12. Oktober 2026. Für diesen Beitrag wurde keine Uhr gemessen. Das folgende Zahlenbeispiel ist vollständig erfunden; es veranschaulicht eine Berechnung und ist kein Prüfergebnis.

Was bedeutet Abfallfehler?

Witschi beschreibt damit eine zeitliche Asymmetrie zwischen den aufeinanderfolgenden TIC- und TAC-Ereignissen. Passt die Ruhelage der Unruh nicht zur Mittellage der Ankergabel, können die beiden Zeitintervalle unterschiedlich lang sein. Die Unterlage bezeichnet die Größe auch als Repère. [1]

Für die dort erläuterte Berechnung gilt: Abfallfehler = |T₁ − T₂| ÷ 2. T₁ und T₂ stehen für die aufeinanderfolgenden Intervalle TIC–TAC und TAC–TIC. Sind beide bereits in Millisekunden angegeben, ergibt sich auch das Resultat in Millisekunden. [1]

Ein fiktives Rechenbeispiel

Fiktives Beispiel – keine Messdaten: Wir setzen für die Rechnung zwei frei gewählte Intervalle ein. Die Werte stammen weder von einer Uhr noch aus einem Messgerät.

Größe im fiktiven BeispielWert / Rechnung
Intervall T₁: TIC–TAC125,4 ms
Intervall T₂: TAC–TIC124,6 ms
Absoluter Unterschied|125,4 − 124,6| = 0,8 ms
Abfallfehler nach der genannten Definition0,8 ÷ 2 = 0,4 ms
Redaktionelles Rechenbeispiel mit erfundenen Intervallen. Keine Messung durch Goldgena Project und keine Aussage „bestanden“ oder „nicht bestanden“.

Die Division durch zwei gehört zu dieser Definition. Eine bereits als Abfallfehler angezeigte Zahl wird nicht nochmals halbiert. Die Rechnung erklärt die Größe; sie ist keine Anweisung, die fertige Geräteanzeige nachträglich zu korrigieren.

Warum sind 0,4 ms nicht 0,4 Sekunden pro Tag?

Eine Millisekunde ist ein Tausendstel einer Sekunde. Entscheidend ist jedoch, welcher Zeitunterschied gemeint ist. Aus unserem fiktiven Abfallfehler folgt kein täglicher Zeitverlust. Witschi führt beim ChronoMaster Gangabweichung in s/d, Abfallfehler in ms und Amplitude in Grad getrennt auf. [2] Die Übersicht Zeitwaage verstehen ordnet die drei Anzeigen ein.

Daraus folgt für das Lesen eines Berichts: Ein niedriger Abfallfehler allein belegt weder einen günstigen täglichen Gang noch eine bestimmte Amplitude. Es fehlen schlicht die anderen Messwerte und deren Bedingungen.

Zur Unterscheidung zwischen Gang- und Abfalleinstellung ergänzt Rücker und rückerlose Unruh: Regulierung verstehen die Erklärung der Messwerte. An Herstellerbeispielen zeigt der Beitrag, warum eine sichtbare Feinregulierung erst ihrer dokumentierten Funktion zugeordnet werden muss.

Was sagt eine Anzeige von 0,0 ms aus?

Sie ist eine Anzeige des konkreten Geräts unter den vorliegenden Bedingungen, kein Beweis für mathematisch perfekte Symmetrie. Für den ChronoMaster nennt Witschi beim Abfallfehler einen Messbereich von 0 bis 9,9 ms und eine Genauigkeitsangabe von ±0,1 ms. [2] Diese Gerätespezifikation darf nicht auf jede Zeitwaage übertragen werden.

Die obere Grenze eines Messbereichs ist außerdem keine zulässige Grenze für eine Uhr. Aus „bis 9,9 ms messbar“ folgt nicht „bis 9,9 ms akzeptabel“. Ebenso ersetzt eine Nullanzeige keinen Bericht über das gesamte Werk.

Welcher Abfallfehler ist noch akzeptabel?

Für eine Bewertung muss die verwendete Vorgabe zum Kaliber und zur Prüfung passen. Ein anschauliches Beispiel liefert die WAIO-Anleitung von Witschi: Sie nennt in ihrem Standardprogramm 0,8 ms als Toleranz sowie festgelegte Lagen, Stabilisierungs- und Messzeiten. [3] Das ist die dokumentierte Einstellung dieses Programms in dieser Anleitung, keine universelle Freigabe für jede mechanische Uhr.

Unsere Schlussfolgerung für einen nachvollziehbaren Bericht: Nennen Sie die maßgebliche Werk- oder Servicevorgabe samt Quelle. Ist keine passende Vorgabe belegt, dokumentieren Sie den Messwert, ohne daraus ein allgemeines „bestanden“ abzuleiten. Das fiktive Ergebnis von 0,4 ms erhält hier deshalb kein Qualitätssiegel.

Welche Angaben gehören zum Messwert?

Die WAIO-Anleitung unterscheidet die Stabilisierung vor einer Messung vom anschließenden Messabschnitt und wiederholt die Untersuchung in mehreren Lagen. [3] Eine Aufnahme ohne Lage und Zeitbezug lässt sich daher nur eingeschränkt mit einer anderen vergleichen.

Als redaktionelle Dokumentationshilfe empfehlen wir: Exemplar und Kaliber benennen, Gerät und Messmodus festhalten sowie Aufzugszustand, Zeit seit dem Aufzug und Messdauer notieren. Erfassen Sie auch die eingestellte oder erkannte Schwingungszahl und den für die Amplitudenberechnung verwendeten Hebewinkel. Das sind Angaben zum gemeinsamen Messlauf; sie sind nicht weitere Namen für den Abfallfehler.

Benennen Sie die Messlagen eindeutig. Bewahren Sie vollständige Anzeigen statt ausgeschnittener Einzelzahlen auf und kennzeichnen Sie Wiederholungen oder geänderte Einstellungen. Dafür können Sie das Uhren-Prüfprotokoll verwenden.

Was tun bei einem auffälligen Wert?

Prüfen Sie zunächst, ob Exemplar, Geräteeinstellung und Messbedingungen nachvollziehbar dokumentiert sind. Fragen Sie die prüfende Fachstelle, auf welcher Vorgabe ihre Bewertung beruht. Ein einzelner hoher oder wechselnder Wert legt weder eine konkrete Reparatur noch deren Umfang fest. Zur Einordnung eines Angebots hilft Regulieren oder Revision.

Quellen und Transparenz

[1] Witschi: Testing Methods for Mechanical Watches (PDF). Ausgabe 2025, Seiten 8 und 11: Definition und Berechnung des Abfallfehlers.

[2] Witschi: ChronoMaster. Getrennte Messgrößen und gerätespezifische Angaben zu Messbereich und Genauigkeit.

[3] Witschi: WAIO Operating Instructions (PDF bei H. S. Walsh). Version 1.0 vom 22.11.2024, Seiten 42–44: Lagen, Stabilisierung und Standardprogramm. Herstelleranleitung, vom Händler bereitgestellt.

Die Quellen wurden am 12. Oktober 2026 gelesen. Alle drei Dokumente stammen von Witschi; der Händler stellt lediglich die dritte Datei bereit. Es handelt sich nicht um drei unabhängige Prüfungen. Das Rechenbeispiel und die Dokumentationsempfehlungen wurden redaktionell erstellt. Es wurden keine eigenen Messwerte oder Zertifizierungen erhoben.

Hinweis zum heutigen Betreiber: Diese Website ist kein offizieller Auftritt des früheren Goldgena-Projekts oder von CODE41. Der heutige Betreiber ist im Handel mit VSF-Replikauhren tätig und mit vsf-kaliber.de verbunden. Die Nennung von Herstellerunterlagen bedeutet keine Empfehlung dieses Betreibers oder seiner Produkte durch deren Herausgeber.