Isochronismus bei Uhren: Gang über die Laufzeit prüfen

Voll aufgezogen läuft die Uhr anders als am nächsten Tag? Ein einzelner Zeitwaagenwert erklärt diesen Unterschied nicht. Für einen Vergleich über die Laufzeit müssen Aufzug, Messzeitpunkte und Bedingungen zusammenpassen. Genau hier wird der Begriff Isochronismus relevant.

Quellenstand: 12. Oktober 2026. Grundlage sind die unten genannten Unterlagen von Witschi, Seiko und Sellita. Für diesen Beitrag wurde keine Uhr gemessen oder geöffnet. Die Beispielwerte sind frei erfunden; die Dokumentationshinweise sind redaktionelle Empfehlungen.

1. Was bedeutet Isochronismus?

Im idealen Unruh-Spirale-System bleibt die Schwingungsdauer trotz unterschiedlicher Amplitude gleich. Witschi beschreibt dies als Isochronismus. Ein entsprechendes Diagramm stellt den Gang in Abhängigkeit von der Amplitude dar. [1] Die Gradzahl selbst erklärt der Beitrag Amplitude bei Uhren.

Seiko erläutert in der 6R64-Anleitung, dass die Antriebskraft der Zugfeder beim Ablaufen abnimmt. Außerdem nennt die Anleitung Aufzug, Lage, Armbewegung und Temperatur als Einflüsse auf die Genauigkeit. [2] Ein Vergleich von zwei Messfotos sollte deshalb mehr festhalten als „frisch aufgezogen“ und „einen Tag später“.

2. Gangreserve und Gangstabilität beantworten verschiedene Fragen

Bei der Gangreserve-Messung wird die Laufdauer bis zum Stillstand dokumentiert. Ein Gangvergleich fragt dagegen, welche Gangraten zu bestimmten Zeitpunkten angezeigt werden. Für einen Bericht sind das zwei getrennte Ergebnisse: Eine bestätigte Laufdauer ersetzt keine Messreihe zur Gangentwicklung.

Beispiel für eine sinnvolle Rückfrage an einen Anbieter: „Sie nennen die Laufdauer. Gibt es zusätzlich Messwerte bei bekanntem Aufzug zu mehreren Zeitpunkten?“ Liegen nur Start und Stillstand vor, sollte die Antwort diese Grenze offen benennen. Eine Aussage wie „über die gesamte Reserve gleich genau“ benötigt weitergehende Belege.

3. Vier Bedingungen für einen nachvollziehbaren Vergleich

Die folgende Tabelle ist unsere Arbeitshilfe für die Vorbereitung und das Lesen eines Berichts. Sie legt weder ein normiertes Prüfprogramm noch feste Wartezeiten fest. Geräteeinstellungen und Aufzugsmethode müssen zum konkret zugeordneten Kaliber passen.

BereichWas dokumentiert werden sollte
Exemplar und AufzugDieselbe Uhr, Kaliberzuordnung, Aufzugsmethode und Zeitpunkt. Weiteres Aufziehen oder Tragen während der Reihe ausdrücklich vermerken.
Zeitpunkte und LageTatsächliche Uhrzeit und Laufzeit seit dem Aufzug; für den direkten Vergleich dieselbe eindeutig bezeichnete Messlage verwenden.
Gerät und UmgebungGerät, Messmodus, Schlagzahl, Hebewinkel samt Quelle, Stabilisierungszeit, Messdauer und gemessene Raumtemperatur oder „unbekannt“.
Rohdaten und ÄnderungenVollständige Messbilder, Gang, Amplitude und Abfallfehler getrennt sichern. Unterbrechungen, Nachstellen und Eingriffe kenntlich machen.
Redaktionelle Dokumentationshilfe. Leere oder unbekannte Angaben dürfen nicht als bestätigte Bedingungen ausgegeben werden.

Wer zu Beginn „Zifferblatt oben“ und später eine stehende Lage misst, vermischt zwei Vergleichsfragen. Planen Sie zusätzliche Lagen als getrennte Reihen und benennen Sie jede Orientierung. Die Erklärung zur Lageabweichung hilft bei dieser Zuordnung.

4. Fiktives Beispiel: drei Zeitpunkte, eine Lage

Nur ein Rechenbeispiel, keine Messung und kein Kaliber-Sollwert: Angenommen werden dieselbe Uhr, durchgehend Zifferblatt oben, unveränderte Geräteeinstellungen und vergleichbare Umgebungsbedingungen. Nach dem anfänglichen Vollaufzug wird nicht nachgezogen; die Uhr wird zwischen den Aufnahmen nicht getragen.

Zeit seit VollaufzugAngenommener GangAngenommene Amplitude
1 Stunde+2 s/d285°
12 Stunden+5 s/d270°
24 Stunden+8 s/d245°
Alle Zahlen sind frei erfunden. Die drei Zeitpunkte illustrieren eine Auswertung; sie sind kein vorgegebenes Prüfprogramm.

Für dieses Beispiel definieren wir die Änderung ausdrücklich als späterer minus früherer Gangwert: Δg = (+8) − (+2) = +6 s/d. Das ist die Differenz der beiden Anzeigen nach 24 und nach 1 Stunde, keine zusätzliche Zeitabweichung von sechs Sekunden und keine eigene Herstellerkennzahl. Die Messpunkte liegen 23 Stunden auseinander.

Die Reihe zeigt im angenommenen Datensatz eine steigende Gangrate bei fallender Amplitude. Daraus folgt weder eine allgemeine Regel „weniger Amplitude macht schneller“ noch eine bestimmte Fehlerursache. Drei Werte zeigen auch nicht den vollständigen Verlauf dazwischen. Für einen tatsächlichen Tagesfehler müsste die Zeitabweichung gegenüber einer Referenz verfolgt werden.

Dafür eignet sich die getrennte Anleitung zur Ganggenauigkeit im Alltag. Rechnen Sie eine kurze Zeitwaagenanzeige nicht nachträglich zu einem tatsächlich beobachteten Tagesergebnis um. Eine Herstellergrenze wird in diesem fiktiven Beispiel nicht geprüft.

5. Herstellerkennwerte nur mit ihrer Definition übernehmen

Witschi unterscheidet ein Isochronismusdiagramm von Kennwerten aus zeitlich getrennten Messungen. [1] Vor einem Vergleich muss deshalb klar sein, ob einzelne Lagen oder Mittelwerte gemeint sind und welche Subtraktionsrichtung gilt.

Ein konkretes Beispiel liefert das Sellita SW200-1: Die Dokumentation nennt auf Seite 5 für CH 0 h − CH 24 h beim Elaboré ±15 s/d und beim Top ±10 s/d. CH bezeichnet dort Zifferblatt oben. „0 h“ steht laut Fußnote für eine Kontrolle 1–3 Stunden nach Vollaufzug. [3]

Die weiteren Bedingungen gehören dazu: Kalender nicht im Eingriff, Berücksichtigung von Geräte- und Umgebungseinflüssen sowie der Hinweis auf 95 % der Stücke eines Lieferloses. [3] Diese Angaben sind keine allgemeine Genauigkeitsgarantie für jede Uhr und keine pauschale Servicegrenze für gebrauchte Exemplare.

Unser Rechenbeispiel verwendet bewusst die ausdrücklich benannten Zeitpunkte 1 und 24 Stunden und die Richtung „später minus früher“. Wer eine Herstellertabelle auswertet, muss deren Definition verwenden. Eine ähnliche Zahl allein macht zwei Auswertungen noch nicht vergleichbar.

6. Was Sie aus einem Bericht tatsächlich mitnehmen können

Ein hilfreiches Ergebnis lautet etwa: „An diesem Exemplar wurde unter diesen Bedingungen zwischen den angegebenen Zeitpunkten eine Änderung dokumentiert.“ Weniger hilfreich ist „die Uhr läuft immer stabil“, wenn lediglich ein günstiger Ausschnitt gezeigt wird. Halten Sie Beobachtung, Berechnung und Bewertung in getrennten Feldern fest.

Dazu können Sie das Uhren-Prüfprotokoll für jeden Zeitpunkt erneut verwenden und die Einträge über dieselbe Exemplar-Kennung verbinden. Bei einer Änderung von Aufzug oder Einstellung beginnt eine entsprechend gekennzeichnete neue Reihe. Die ursprünglichen Messbilder bleiben erhalten.

Eine wiederholte Auffälligkeit lässt sich mit diesen Unterlagen gezielter besprechen. Sie benennt aber noch kein defektes Bauteil und begründet allein keine bestimmte Reparatur. Außerdem bleibt eine Reihe an einer Uhr eine Einzelbeobachtung; Einzeluhr, Stichprobe und Serie erklärt die Reichweite solcher Aussagen.

Quellen und Transparenz

[1] Witschi: Testing Methods for Mechanical Watches (PDF). Ausgabe 2025, Seiten 25 und 28: Begriff, Diagramm und zeitbezogene Kennwerte.

[2] Seiko: Accuracy of mechanical watches – Anleitung 6R64. Abschnitte zu Aufzugszustand, Tragebedingungen und Genauigkeit.

[3] Sellita: Technische Dokumentation SW200-1 (PDF). Revision 07 vom 02.09.2024, Seite 5: Isochronismuszeile, Qualitätsstufen und zugehörige Fußnoten.

Die drei Quellen wurden am 12. Oktober 2026 gelesen. Herstellerangaben gelten im jeweils genannten Zusammenhang. Die Tabellen und die Auswahl der Dokumentationsschritte sind redaktionelle Hilfen; sie bilden kein validiertes Laborverfahren und keine Zertifizierung ab.

Hinweis zum heutigen Betreiber: Diese Website ist kein offizieller Auftritt des früheren Goldgena-Projekts oder von CODE41. Der heutige Betreiber ist im Handel mit VSF-Replikauhren tätig und mit vsf-kaliber.de verbunden. Dieser Beitrag enthält keine eigenen Messwerte solcher Produkte. Die Herstellerquellen sind keine Empfehlung des heutigen Betreibers oder seiner Angebote.