Ist die Amplitude meiner Uhr zu niedrig? Eine Gradzahl allein beantwortet diese Frage nicht. Zuerst müssen Kaliber, Geräteeinstellung, Aufzugszustand und Lage bekannt sein. Erst dann lässt sich prüfen, ob ein passender Vergleichsmaßstab vorliegt.
Quellenstand: 12. Oktober 2026. Grundlage sind Herstellerunterlagen von Witschi, MIYOTA und Sellita. Für diesen Beitrag wurde keine Uhr gemessen oder geöffnet. Die Zahlen unten sind dokumentierte Herstellerangaben; die Checkliste ist eine redaktionelle Lesehilfe.
1. Was die Amplitude beschreibt
Die Amplitude ist der größte Winkelausschlag der Unruh von ihrer Ruhelage bis zum Umkehrpunkt. Sie wird in Grad angegeben. Gemeint ist nicht der gesamte Weg zwischen beiden Umkehrpunkten. Bei der akustischen Bestimmung wertet die Zeitwaage Zeitabstände im Schlaggeräusch aus und benötigt dafür unter anderem den konstruktiv passenden Hebewinkel. [1]
Auf einem Messbericht stehen daneben meist Gang in Sekunden pro Tag und Abfallfehler in Millisekunden. Diese Größen dürfen nicht verwechselt werden. Eine hohe Gradzahl ist kein direktes Maß für eine kleine tägliche Zeitabweichung. Die Übersicht Zeitwaage verstehen erläutert die drei Anzeigen gemeinsam.
2. Erst die Einstellung prüfen, dann die Gradzahl bewerten
Beim ChronoMaster nennt Witschi ausdrücklich eine manuelle Eingabe des Hebewinkels. Der angegebene Amplitudenmessbereich von 70° bis 360° beschreibt den Gerätebereich, nicht den zulässigen Bereich jedes Uhrwerks. [2] Dass ein Gerät eine Zahl anzeigen kann, ist noch keine technische Freigabe für die gemessene Uhr.
Ein Kaliberbeispiel: Das MIYOTA-Datenblatt für 82S0 / 82S5 / 82S7 nennt 49° Hebewinkel. [3] Diese Eingabe ist keine Amplitude von 49°. Wie sich die beiden Winkel unterscheiden und warum eine falsche Eingabe die berechnete Amplitude verändert, erklärt Hebewinkel bei der Zeitwaage.
Unsere erste Rückfrage zu einem Messfoto lautet deshalb: Welches Werk wurde tatsächlich zugeordnet, welcher Hebewinkel wurde verwendet und woher stammt er? Ein voreingestellter Wert oder ein plausibel wirkender Bildschirm ersetzt diesen Beleg nicht. Bei ungeklärter Einstellung bleibt auch die Bewertung der Anzeige offen.
3. Aufzug, Laufzeit und Lage gehören zum Vergleich
Witschi unterscheidet Stabilisierungszeiten nach Lagewechseln und erwartet beim Wechsel zwischen horizontaler und vertikaler Lage eine Veränderung der Amplitude. [1] Deshalb sollte ein Bericht Wartezeit und eigentliche Messdauer auseinanderhalten. Ein neuer Wert unmittelbar nach dem Umsetzen ist nicht automatisch mit einer stabilisierten Aufnahme vergleichbar.
Notieren Sie außerdem, wie und wann aufgezogen wurde und wie viel Zeit seitdem vergangen ist. Das MIYOTA-Blatt behandelt Vollaufzug und Prüflagen auf seiner zweiten Seite. [3] Wer nur den Winkel von Seite 1 übernimmt, hat damit noch nicht die vollständigen Bedingungen erfasst.
Für einen nachvollziehbaren Vergleich empfehlen wir getrennte Zeilen je Lage und Zeitpunkt. „Gestern Zifferblatt oben“ und „heute stehend, Aufzug unbekannt“ sind keine gleich beschriebenen Bedingungen. Die Erklärung zur Lageabweichung hilft dabei, die Orientierung eindeutig zu benennen. Daraus entsteht noch keine allgemeine Soll-Differenz zwischen den Lagen.
Wie Sie Gang und Amplitude zu mehreren Zeitpunkten derselben Laufphase gegenüberstellen, erläutert Isochronismus bei Uhren.
4. Konkretes Beispiel: Sellita SW200-1
Sellitas Dokumentation, Revision 07 vom 02.09.2024, nennt auf Seite 5 zwei unterschiedlich bedingte Amplitudengrenzen. [4] Die Grunddaten des Kalibers stehen in der Übersicht zum Sellita SW200-1.
| Herstellerangabe | Zugehörige Bedingung |
|---|---|
| Maximale Amplitude: 315° | CH bei „0 h“; CH bedeutet hier horizontal, Zifferblatt oben. |
| Minimale Amplitude: 200° | 6H bei 24 h; 6H bedeutet hier vertikal, 6-Uhr-Markierung oben. |
Die Fußnoten gehören dazu: „0 h“ bezeichnet dort eine Kontrolle ein bis drei Stunden nach Vollaufzug; der Kalender darf nicht im Eingriff sein. Außerdem bezieht das Dokument die Grenzwerte auf 95 % der Stücke eines Lieferloses und verlangt die Berücksichtigung von Messgerätetoleranzen und Umgebungseinflüssen. [4]
Das ist keine pauschale Servicefreigabe für jede gebrauchte Uhr mit ähnlicher Werkbezeichnung. Wer 200° ohne Lage und Zeitpunkt übernimmt, verliert einen Teil der Herstellerangabe. Ebenso wenig bedeutet ein Wert unter 315° für sich allein, dass eine Uhr sämtliche Anforderungen erfüllt.
5. Vier Rückfragen zu einem auffälligen Messbericht
| Was am Bericht auffällt | Was vor einer Bewertung geklärt werden sollte |
|---|---|
| Gradzahl ohne Aufzugsangabe | Aufzugsmethode, Zeitpunkt und anschließende Laufzeit nachtragen; fehlende Angaben als unbekannt belassen. |
| Andere Amplitude nach Lagewechsel | Beide Lagen, Wartezeit und Messdauer zuordnen; den Verlauf statt nur zweier Ausschnitte ansehen. |
| Andere Anzeige nach Änderung des Hebewinkels | Alte und neue Eingabe mit Quelle sichern; Änderung am Gerät von einem Eingriff am Werk trennen. |
| Wiederholt auffälliger Wert unter dokumentierten Bedingungen | Passende Herstellervorgabe und vollständiges Protokoll gemeinsam prüfen lassen; die Ursache bleibt zunächst offen. |
Diese Reihenfolge soll eine vorschnelle Deutung vermeiden: zuerst Unterlagen und Bedingungen ergänzen, dann vergleichbare Beobachtungen zusammenstellen, anschließend bewerten. Das Uhren-Prüfprotokoll hält Exemplar, Einstellungen, Rohdaten und Auswertung getrennt. Eine nachträgliche Korrektur sollte den ursprünglichen Beleg nicht überschreiben.
6. Weder „höher ist immer besser“ noch „niedrig heißt Revision“
Bei einem auffälligen Bericht ist eine konkrete Rückfrage hilfreicher als eine Diagnose aus einer einzigen Zahl: „Welche Vorgabe für dieses Kaliber wird unter welchen Bedingungen verfehlt?“ Fehlt die passende Grundlage, sollte die Antwort zunächst diese Lücke benennen. Ein dokumentierter Grenzwert ersetzt außerdem keine Untersuchung der Ursache.
Bleibt eine Abweichung bei passenden Einstellungen und nachvollziehbarer Wiederholung bestehen, geben Sie einer Fachstelle die vollständigen Unterlagen. Daraus lässt sich ein begründeter Untersuchungsauftrag formulieren. Ob eine Einstellung, Wartung oder andere Arbeit nötig ist, gehört in deren Befund. Regulierung oder Revision erklärt, wie sich vorgeschlagene Arbeiten und ihre Nachweise unterscheiden lassen.
Ein guter Bericht nennt daher nicht nur „Amplitude: [Wert]°“, sondern auch Exemplar, Kaliberzuordnung, Hebewinkelquelle, Aufzug, Lage, Zeitpunkt und Messdauer. Sind diese Angaben vorhanden, kann die Gradzahl eingeordnet werden. Ohne sie bleibt sie eine unvollständig beschriebene Anzeige.
Quellen und Transparenz
[1] Witschi: Testing Methods for Mechanical Watches (PDF). Ausgabe 2025: Seiten 8 und 12 zum Begriff und zur akustischen Bestimmung, Seite 13 zu Lagewechsel und Stabilisierung.
[2] Witschi: ChronoMaster. Akustisches Messprinzip, manuelle Hebewinkeleingabe sowie gerätespezifischer Amplitudenmessbereich.
[3] MIYOTA: Datenblatt 82S0 / 82S5 / 82S7 (PDF). Seite 1: 49° Hebewinkel; Seite 2: Angaben zu Vollaufzug und Prüflagen.
[4] Sellita: Technische Dokumentation SW200-1 (PDF). Revision 07 vom 02.09.2024, Seite 5: Amplitudengrenzen mit Lage und Zeitpunkt, Lagenlegende sowie Fußnoten zu Bedingungen und Lieferlosen.
Die vier Fundstellen wurden am 12. Oktober 2026 gelesen. Zwei stammen von Witschi; sie sind keine voneinander unabhängigen Untersuchungen. Herstellerwerte bleiben auf das genannte Gerät, Kaliber und Dokument beschränkt. Die Rückfragen und die Reihenfolge der Dokumentationsprüfung sind redaktionelle Empfehlungen, kein validiertes Prüfverfahren.
Hinweis zum heutigen Betreiber: Diese Website ist kein offizieller Auftritt des früheren Goldgena-Projekts oder von CODE41. Der heutige Betreiber ist im Handel mit VSF-Replikauhren tätig und mit vsf-kaliber.de verbunden. Hier werden keine eigenen Messwerte solcher Produkte veröffentlicht. Die Herstellerquellen sind keine Empfehlung des heutigen Betreibers oder seiner Angebote.